Stufen des Glaubens

(Der Weg der Wahrheit)

 

"Es kommt fast für jeden Menschen der Augenblick, wo die überkommene und angelernte Religion von ihm abfällt wie der Mörtel von der Wand. Erziehung, Haus und Familie, religiöses Milieu, alles kann nichts helfen, denn es muss so kommen, damit der Mensch er selbst wird".
(Albert Schweitzer, dt. Theologe, Mediziner & Philosoph, 1875-1965)


Entwicklungspsychologie ist das Studium des Wachsens und der Entwicklung des Geistes – das Studium innerer Entwicklung und der Bewusstseinsevolution. Am gegenwärtigen Stand der Entwicklungspsychologie fällt auf, wie sehr sich die meisten ihrer verschiedenen Modelle in den Grundzügen ähneln. Die Stufenfolgen der verschiedenen Theoretiker lassen sich in einem gemeinsamen Entwicklungsraum miteinander zur Deckung bringen.

Im Folgenden sind die Entwicklungsstufen des religiösen Glaubens nach James W. Fowler aufgezeigt. („Die Stufen des Glaubens. Die Psychologie der menschlichen Entwicklung und die Suche nach Sinn", Mohn, Gütersloh 1991, ISBN 3-579-01750-0). Fowler ist Professor für Theologie und Entwicklungspsychologie und lehrte an der Emory University Atlanta, Georgia. Sein Buch ist das Standardwerk zur Theorie der religiösen Entwicklung.

Da in den christlichen Kirchen durch den Prozess der Säkularisierung nicht mehr allzu viele Gläubige aktiv engagiert sind, werden in roter Schrift entsprechende säkulare evolutionäre Stufen nach Ken Wilber (Ganzheitlich handeln, Arbor Freiamt 2001, ISBN 3-924195-79-X) stichwortartig aufgezeigt.

Dabei ist zu beachten:

  1. Der Mensch lebt nicht nach theoretischen Entwicklungsstufen, sondern diese Stufen wurden aufgrund von Beobachtungen des Menschen, wissenschaftlichen Untersuchungen und Datenerfassungen erarbeitet, und in einem geordneten System erfasst.

  2. Die Stufen können nicht isoliert betrachtet werden, sie sind durchlässig. In einer Folgestufe leben stets Elemente der Vorstufe(n) weiter.

  3. Die Identität eines Individuums wird durch  das Zusammenspiel unzähliger Faktoren bestimmt. Die Teilstruktur des Bewusstseins  auf einer entsprechenden Entwicklungsstufe eines definierten psychischen Entwicklungsmodells  ist nur   ein Teilausschnitt des individuellen Seins zur exemplarischen Bestimmung durchschnittlicher Verhaltensnormen in einem Teilbereich menschlicher Existenz. Deshalb dürfen nach Fowler:

  4. Die Glaubensstufen... nicht als eine Leistungsskala verstanden werden, nach welcher der Wert von Menschen beurteilt werden kann. Ebenso stellen sie keine erzieherischen oder therapeutischen Ziele dar, auf die man die Menschen hinbewegen sollte."

1. Intuitiv – projektiver Glaube

Die erste Stufe im Glaubensleben nennt Fowler den „intuitiv – projektiven Glauben“, typisch für das Kind im Kindergartenalter. Das Kind trifft ständig auf Neues, für das es noch keine festen Erkenntnisoperationen gebildet hat. Es entsteht die Einbildungskraft, die Fähigkeit, Erfahrungen in starken Bildern als Gegenstand von Geschichten zusammenzuschließen, eine Welt der magischen Verschiebungen und Verdichtungen. (Es donnert, weil der Himmel auf uns böse ist). D.h. Geist, Wahrheit und Welt sind noch nicht klar differenziert. Dieser Glaube kann in animistischer Religiosität (Beseeltheit aller Dinge) auch das erwachsene Leben prägen. Auf dieser Stufe wird die Tiefenstruktur des Glaubens, das spirituelle Vertrauens- und Bindungsmuster geprägt (angelsächsisch „Faith“).  Es ist die elementare Weise des Glaubens, so zu sagen der soziale Klebstoff, der eine Kultur zusammenhält. Er beherbergt das Spannungsfeld zwischen „tremens“ (Zittern, Erschaudern, Furcht) vor der Gottheit einerseits, und der „faszinans“  (Faszination, beglückenden Be-Geisterung) andererseits.

Gefahren für die kindliche Seele: Mögliche Besessenheit der kindlichen Imagination durch ungehemmte Bilder von Schrecken und Destruktion; mögliche Ausbeutung der kindlichen Einbildungskraft zur Verstärkung von Tabus und moralischen Erwartungen.

 

Archaisch-instinktiv: Ebene grundlegenden Überlebens; Überlebenshorden; erste menschliche Gemeinschaften, neugeborene Kinder; senile Alte; demente Stadtstreicher; Menschen mit Bombentrauma. (0,3 % der erwachsenen Bevölkerung; 0% der Macht).

Magisch-animistisch: Magische Geister bestimmen das Geschehen auf der Erde. Blutsverwandtschaft und Familie begründen politische Bindungen; Gemeinschaften mit Blutrache, Aberglaube, Familienritualen, Voodoo-ähnliche Verfluchungen. Stark vertreten in Bereichen der dritten Welt; Banden; manche Sportmannschaften; „verschworene Gemeinschaften“. (10% der Bev., 1% der Macht).

 

Die Leute waren empört, als der Meister sagte, dass wahre Religion keine soziale Angelegenheit sei. Er erzählte:

„Ein kleiner Eisbär fragte seine Mutter: Mami, war mein Papa auch ein Eisbär? – natürlich war er ein Eisbär. – Und nach einer Weile: Sag Mami, war mein Großvater auch ein Eisbär? – Ja, er war auch ein Eisbär. – Und mein Urgroßvater, war er auch ein Eisbär? – Ja, er war einer. Warum fragst du? – Weil ich friere!“

Der Meister schloss: „Religion ist weder sozial, noch ist sie ererbt. Sie ist etwas ganz und gar Personales." *)

 

2. Mythisch – wörtlicher Glaube

Dieser entspricht individualpsychologisch der Zeit der ersten Grundschuljahre. Der Mensch der Stufe 2, Kind oder Erwachsener, denkt über die Vielfalt der Deutungen und Bedeutungen der Glaubensinhalte (angelsächsisch „belief“), der Lehren und Dogmen, Mythen und moralische Regeln noch nicht nach, jedoch können Götter, bzw. höhere Wesen die Welt regeln und ordnen. Diese Regeln werden strikt wörtlich genommen und Symbole eindimensional wörtlich verstanden. (Von den eigenen Kindern wird man in dieser Phase manchmal beim „Lügen“ ertappt, da eine mehrdimensionale Wahrheit noch nicht erkannt wird). Die Ethik entspricht einem gradlinigen „Wie du mir, so ich dir“!

Die Gefährdungen liegen in der Ausbildung eines unnatürlichen Perfektionismus, besonders im Kult, sowie in naiver Werksgerechtigkeit.

 

Der Meister warnte die Leute vor der Religion, weil sie, sich selbst überlassen, blinden Gesetzesgehorsam rechtfertigt. Und so erklärte er dies: ein Unteroffizier fragte während der Gewehrausbildung eine Gruppe Rekruten, warum für den Gewehrschaft Walnussholz verwendet wird. – Weil es widerstandsfähiger ist, antwortete einer! – Falsch! – Weil es eine größere Elastizität hat, sagte ein anderer. – Auch falsch! – Vielleicht weil es glatter ist als andere Hölzer? Sagte ein dritter. – Mach dich nicht lächerlich! Sagte der Unteroffizier. Walnussholz wird deshalb verwendet, weil es in den Vorschriften steht."*)

 

3. Synthetisch – konventioneller Glaube

Fowlers Stufe 3 entfaltet sich normalerweise im Jugendalter, für sehr viele Erwachsene wird sie aber ein dauerhafter und lebenslanger Ort des Gleichgewichts, es ist der Ort und Hort der so genannten Volkskirchen, bzw. was heute davon übrig geblieben ist. Das System der prägenden Inhalte, Werte und Bilder, an die sich die Menschen binden, ist in der Hauptsache ein „stillschweigend übereinstimmendes System“. Man kann die auswendig gelernten und eingeübten Glaubensinhalte und religiösen Bilder benennen, vollzieht den Glauben mechanistisch im ständig wiederkehrenden Ritual und sich wiederholenden Liturgien, fühlt sich ihnen emotional tief verbunden und verteidigt sie konformistisch in dem Sinne, als sie genau auf die Erwartungen und Urteile der Amtsträger und Autoritäten (Klerus, Pädagogen) abgestimmt sind. Diese müssen es ja wissen, denn sie haben es schließlich  studiert! Eines eigenständigen Urteils ist man sich mangels Wissen oder Erfahrung nicht sicher genug, um eine eigene, unabhängige Perspektive konstruieren zu können, statt dessen verweigert oder umgeht man die Einladung zur eigenen Bewusstheit und zu einer bewussten Eigenverantwortung für die Glaubensinhalte. Auf Stufe 3 hat der Mensch gewissermaßen ein kompaktes Bündel von Werten und religiösen Inhalten, so zu sagen eine Fundamentalideologie, aber es besteht eine Diskrepanz zwischen Ideologie und Glaubensvollzug in der Kirche einerseits, und der Anwendung des Glaubens im Alltag andererseits. (Gesinnungsethiker nach Max Weber, Pharisäer im Terminus der Bibel). Man lebt autoritätsgläubig in der vertrauten Gruppe mit übereinstimmenden Werten. Die Symbole und rituellen Handlungen, die den Glauben ausdrücken, sind unabdingbar mit den Sinnwerten verbunden. Entsprechend wird jede „Entmythologisierung“ als fundamentale Bedrohung empfunden. Die mit Sinn verbundenen Symbole sind selbst wahr und heilig. Ein Angriff auf sie ist ein Angriff auf das „Heilige“, auf Gott selbst. So wird auch das einst auswendig gelernte Glaubensbekenntnis in unreflektierter Form übernommen, wie es die Kirche verschreibt und deutet. Man findet Genugtuung, es in der Gruppe mitsprechen zu können und tatsächlich sind derartige gemeinsamen Rituale für eine Gruppe auch Identität bildend.

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,

den Schöpfer des Himmels und der Erde.

 

Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,

empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria,

gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben,

hinabgestiegen in das Reich des Todes, am 3. Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

 

Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche (katholische) Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden

Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen

 

Die Gefährdungen dieser Gruppe liegen in einer Anfälligkeit für alle Spielarten des Glaubensfundamentalismus und die Ausnutzung solcher psychischen Strukturen durch Kirche und Lehramt zur Ausübung von Macht und Einflussnahme (Volksverdummung).

 

Mächtige Götter: Archetypische Götter, gut und böse. Macht und Ruhm, Basis für feudale Reiche; erobern, überlisten, beherrschen. Hedonismus ohne Gewissensbisse. Kinder im Trotzalter, Feudalreiche; Bandenführer, New-Age-Narzißmus. (20% der Bev., 4% der Macht).

Mythische Ordnung: Verhaltenskodex auf absoluten und unveränderlichen Prinzipien von „recht“ und „unrecht“. Belohnung für die Konformen, Bestrafung bis zur ewigen Verdammnis für die Nicht-konformen. Grundlage antiker Nationen und Religionen. Puritanisches Amerika; konfuzianisches China; totalitäres Europa; ISIS und andere Terrorgruppen "im Namen Allah's".; Ritterschaft- und Ehren-Kodizes; Pfadfinder; religiöser Fundamentalismus; Patriotismus; sogg. „Moralische Mehrheiten“. (30% der Bev., 30% der Macht).

 

Jemand fragte den Meister, warum er der Religion gegenüber so argwöhnisch sei. „ist denn die Religion nicht das erhabenste, was die Menschen besitzen?“ Die Antwort des Meisters war schleierhaft: „das Beste und das Schlechteste – das ist es, was dir die Religion gibt.“ – „warum das Schlechteste?“ – „Weil die Leute meistens gerade genug Religion annehmen, um zu hassen, aber nicht genug, um zu lieben.“*)

 

4. Individuierend – reflektierender Glaube

Das definiert Sein durch eine Gruppe oder die Gruppenzugehörigkeit wird durchbrochen zu eigenständiger Individualität. Das naive sich Verlassen und Vertrauen auf die heilige Macht, auf die Wirksamkeit und innere Wahrheit des Symbols sind unterbrochen. Wie Paul Tillich sagt: „Ein Symbol, das als Symbol erkannt wird, ist ein „gebrochenes Symbol“ und hat seine Heiligkeit unwiderruflich verloren. Die Symbole müssen auf Stufe 4 immer neu in begriffliche Bedeutungen übersetzt werden, es entstehen individuelle Scholastik und Antidogmatik, verbunden mit dem Gefühl von Sterilität und Flachheit, der von der Kirche vorgegebenen Sinngehalte. Das nunmehr reflektierend untersuchte Glaubensbekenntnis der Kirche wird in Zweifel gezogen und abgelehnt. Im wörtlichen Sinne verstößt es gegen die Naturgesetze, im übertragenen Sinne wird es als zu willkürlich und rätselhaft abgetan und für den praktischen Lebensvollzug als unbrauchbar eingestuft. Ein dieser Stufe angepasstes Glaubensbekenntnis könnte wie folgt lauten:

 

Glaub' niemals an Gott nach dem menschlichen Bilde,
an Liebe und Rache in Himmels' Gefilde.
Und traue auf keinen dreieinigen, -faltigen
oder wie immer auch sonst noch gestaltigen,
hypostatischen Gottessohn,
paulinisch erlogener Resurrektion,
nebst Jungferngeburt durch Geistesempfängnis -
solch Geist weht im vatikan'schen Gefängnis!
Von dorten sind alle zum Glauben berufen:
mit Einfalt im Herzen die geistlichen Stufen
der kirchlichen Lehre treu brav zu bekennen,
um nicht im höllischen Feuer zu brennen.
Doch auch an letzteres glaube nicht,
wer nicht auf ewiges Leben erpicht!

 

Auf Stufe 4 herrscht eine aristotelische entweder : oder – Logik vor und es erfolgen hier konsequenterweise die meisten Kirchenaustritte. Diejenigen, welche auf dieser Stufe der Kirche treu bleiben, bekommen beim Sprechen des Glaubensbekenntnisses oftmals ihren Reizhusten, da sie sich selbst und ihren Schöpfer nicht belügen wollen oder erleben ihre Bewährung als Simultandolmetscher indem sie das Bekenntnis innerlich für sich in eine individuell passendere Form übersetzen. In diesem Stadium bleibt dem Glaubenden die Einsicht, dass das Leben komplexer ist, als die Logik der klaren Unterscheidungen und abstrakten Begriffe, meist verschlossen. Viele religiöse Erwachsenen bauen diese Stufe allerdings erst überhaupt nicht auf, bei anderen stellt sie sich erst in den 40ern ein.

 

Errungenschaften der Wissenschaft: Suche nach Wahrheit und Sinn in individualistischen Begriffen; experimentell, objektiv, operational, hypothetisch – also „wissenschaftlich“ im typischen Sinne. Die Welt ist eine rationale und gut geölte Maschine mit Naturgesetzen, die man erkennen, meistern und für die eigenen Zwecke manipulieren kann. Leistungsorientiertheit vor allem auf materiellen Gewinn hin. Marktallianzen, Manipulation der Ressourcen der Erde zugunsten eigener strategischer Gewinne, Wo anzutreffen? Wall Street, aufsteigende Mittelklasse, Kolonialismus, Neoliberalismus, säkularer Humanismus, Hegemonialstreben der USA, Obama-Administration (30% der Bev., 50% der Macht).

 

Der Prediger war fest entschlossen, dem  Meister eine unzweideutige Glaubensaussage über Gott zu entlocken. – „Glaubst du, dass es einen Gott gibt?“  - „Natürlich glaube ich das“, antwortete der Meister. – „Und dass er alles geschaffen hat, glaubst du das?“ – „Ja, ja“, sagte der Meister, „bestimmt glaube ich das.“ – „Und wer hat Gott geschaffen?“ – „Du“, erwiderte der Meister. Der Prediger schaute ihn entgeistert an, willst du mir im ernst erzählen, dass ich Gott geschaffen habe?“ – „Den, über den du ständig nachdenkst und sprichst – ja!“ Sagte der Meister ruhig.*)

 

5. Verbindender Glauben

Auf Stufe 5, gewöhnlich erst nach der Lebensmitte, beginnt das Gewahrwerden der unbewussten persönlichen, sozialen und archetypischen Elemente, die unsere Handlungen und Reaktionen mitbestimmen; es öffnet sich der Zugang zu dem „Selbst“, das C.G. Jung als Zentrum des Unbewussten beschrieben hat. Analog zu der quantentheoretischen Einsicht, nach der das Licht zugleich als Welle, als auch als Energiepartikel verstanden werden muss, spüren die Glaubenden der Stufe 5, dass die religiöse Wahrheit mehrdimensional ist und in gradlinigen Begrifflichkeiten nicht erfasst werden kann. Dem Paradox, und damit der Wahrheit in offensichtlichen Widersprüchen aufgeschlossen, streben diese Menschen danach, die Gegensätze im Denken und in der Erfahrung zu vereinen. Zur egozentrischen Sichtweise kommt eine teleologische Sicht. Die Spiritualität dieser Stufe ist frei von den Beschränkungen auf Stamm, Klasse, Nation, Konfession und religiöser Gemeinschaft. Es findet eine Integration von Körper und Geist in einem relativ autonomen Selbst statt, ein in ein Netz der Verantwortlichkeiten und des Dienstes integriertes Selbst, ein Zusammenfügen der Fragmente des Daseins zu einem Netzwerk von Interaktionen. Auf dieser Stufe verlassen einen die Geister, die guten und die bösen, die man einst rief oder die andere für einen gerufen hatten; zurück bleibt Geist. Die Begegnung mit anderen Traditionen lässt erahnen, dass die Art deren Wahrheitserschließung  die eigenen Wahrheitserkenntnisse ergänzen oder korrigieren, und so das Gespräch zwischen Verschiedengläubigen wahrhaft ökumenisch, d.h. weder nur retrospektiv noch reduktionistisch werden kann, indem sich jede Seite für die Wahrheit des anderen öffnet, getreu der Erkenntnis, dass mehrere Teilwahrheiten zusammen eine größere Wahrheit ergeben müssen. Oder wie Heinz Zahrnt sagt:

"Wenn die Christenheit seit den Tagen der Alten Kirche betet: Dein Reich komme! Dann bittet sie damit auch indirekt um das Vergehen der Kirchen. Am Ende der Religionsgeschichte steht nicht der Sieg des Christentums, schon gar nicht der Katholiken, Protestanten oder Orthodoxen (der Alleinvertreter, Profilbewahrer, oder Fundamentalisten), sondern das Reich Gottes, in das alle Religionen, Kirchen und Konfessionen eingehen werden".

Nach Fowler liegt die Gefahr dieser Glaubensstufe in einer Passivität, die wegen ihres paradoxen Verständnisses von Wahrheit zu Selbstgefälligkeit und sozialem Rückzug führen kann.

 

Das sensible Ich: Gemeinschaftsgefühl, menschlicher Zusammenhalt, ökologische Sensibilität, Netzwerke. Befreiung des Geistes von Habgier und Dogma; Wertschätzung der Erde, von Gaia des Lebens; antihierarchisches System; Betonung von Dialog, Beziehungen als Grundlage von Wertegemeinschaften; Entscheidungen durch Ausgleich und Konsens; (Schattenseite: endloses Ausdiskutieren bis zur Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen). Wiederbelebung von echter Spiritualität; soziale Konstruktion der Wirklichkeit; multikulturell; Pluralistischer Relativismus.

Wo? Tiefenökologie, Postmodernismus, humanistische Psychologie, Befreiungstheologie, Weltkirchenrat, Greenpeace, ATTAC, Menschenrechtsbewegungen, Tierrechtsbewegungen. (10% der Bev., 14% der Macht).

 

Es war allgemein bekannt, dass der Meister für Theologie im allgemeinen wenig Verständnis übrig hatte.

Als er gebeten wurde, zu seiner Auffassung Farbe zu bekennen, sagte er: „Theologie ist zu einem Übel geworden, insofern sie nicht so sehr ein Forschen nach Wahrheit ist als vielmehr das Aufrechterhalten eines Glaubenssystems."*)

 

6. Universalisierender Glauben

Menschen dieser Stufe werden achtlos gegenüber den Gefahren für das eigene Selbst. Sie folgen dem Imperativ der absoluten Liebe und Gerechtigkeit, egal, wohin er führt, sie verlassen die Welt der bürgerlichen Sicherheiten. Ihre Gleichgültigkeit für Selbsterhaltung und die Lebendigkeit ihres Geschmacks und Gefühls für die transzendente moralische und religiöse Aktualität, verleihen ihren Handlungen und Worten eine außergewöhnliche  und eine oft unvorhersehbare Qualität. In ihrer Hingabe an ein universales Mitleid können sie unsere engen Gerechtigkeitsvorstellungen verletzen. Indem sie unser Besessensein von Sicherheits- Überlebens- und Geltungsvorkehrungen durchstoßen bedrohen sie unsere wohl abgewogenen Standards der Rechtschaffenheit, Güte und Klugheit. Diese Menschen leben ohne Dogmen und Glaubensbekenntnisse, da ihr Leben und oftmals auch ihr Sterben identisch sind mit ihrem Glauben.

 

Integrativ – Holistisch: Universell holistisches System; multiple Ebenen sind verwoben zu einem bewussten System. Lebendige und bewusste universale Ordnung; Wissen und Kompetenz haben Vorrang vor Macht und Status. Entstehen einer neuen Spiritualität als Netzwerk des gesamten Seins. (0,1% der Bev., 1% der Macht).

 

7. Transpersonale Stufen

Während Fowler’s Stufentheorie mit dem „Universalisierenden Glauben“ aufhört, fügt Ken Wilber noch 4 transpersonale Stufen hinzu, die hier der Vollständigkeit halber erwähnt werden sollen. Auf diesen Stufen wird das beobachtende Selbst als der Zeuge, die reine Gegenwart, das wahre Gewahrsein, das Bewusstsein an sich genannt. Eine Art "idealer Philosophia Perennis!"

 

Die Psychische Stufe: Die Trennung zwischen Subjekt und Objekt ist aufgehoben, zwischen dem Menschen und der ganzen natürlichen Welt „außerhalb“ von ihm. Drinnen und draußen haben keine Bedeutung mehr. Manche bezeichnen es als Überseele oder Weltseele. Man ist ein Naturmystiker.

 

Die Subtile Stufe: Erweiterte affektive Zustände der Liebe und des Mitleids, archetypische Erfahrungen (Formen und Muster), Einigung oder Verschmelzung mit der Gottheit (Saguna-Brahman), Einssein mit Gott; Gottheitsmystik.

 

Die kausale Stufe: Wenn man als spezielle Meditationsform das beobachtende Selbst, den Zeugen bis zu seiner letzten Quelle in der reinen Leerheit verfolgt, dann tauchen im Bewusstsein überhaupt keine Objekte auf. Dies ist ein diskreter, identifizierbarer Gewahrseinszustand, der als "nichtmanifeste Absorption" oder "Verlöschen"  (klassisches Nirvãna) bezeichnet wird; Formlose Mystik.

 

Die Nichtduale Stufe: Die „Leerheit“ wird zur Wirklichkeit, Soheit, zur „Verfassung aller Zustände“. Integration der drei vorhergehenden Stufen. Es umschließt das ganze Spektrum des Bewusstseins  - transzendiert alles, schließt alles ein; reines Sehen; Bewusstsein und seine Darbietung sind „Nicht-Zwei“; Nichtduale Mystik.

 

*) Die schräg gedruckten Passagen stammen aus "Eine Minute Unsinn" von Anthony de Mello, ISBN 3-451-04379-3

 

 

Merke: "Es gibt Leute, die den Schuljungen verlachen und ihn leichtfertig und oberflächlich nennen. Dabei war es ein Schuljunge, der gesagt hat: 'Glaube ist, wenn man was glaubt und weiß, es ist nicht so."
(Mark Twain, amerikan. Schriftsteller, 1835-1903)

 

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