Der umstrittene Paulus

 

"Der "frohen Botschaft" folgt auf dem Fuß die allerschlimmste: die des Paulus. In Paulus verkörpert sich der Gegensatz-Typus zum "frohen Botschafter", das Genie im Hass, in der Vision des Hasses, in der unerbittlichen Logik des Hasses. Was hat dieser Dysangelist alles dem Hasse zum Opfer gebracht! Vor allem den Erlöser: er schlug ihn an sein Kreuz. Das Leben, das Beispiel, die Lehre, der Tod, der Sinn und das Recht des ganzen Evangeliums - nichts war mehr vorhanden, als dieser Falschmünzer aus Hass begriff, was allein er brauchen konnte. Nicht die Realität, nicht die historische Wahrheit! ...   er strich das Gestern, das Vorgestern des Christentums einfach durch, er erfand sich eine Geschichte des ersten Christentums. Mehr noch: er fälschte die Geschichte Israels nochmals um, um als Vorgeschichte für seine Tat zu erscheinen: alle Propheten haben von seinem "Erlöser" geredet ... Die Kirche fälschte später sogar die Geschichte der Menschheit zur Vorgeschichte des Christentums ..."

(Nietzsche, dt. Philosoph, 1844-1900)

 

Für die einen war  er der Begründer der Kirche schlechthin, derjenige, der Jesus Christus weiterentwickelt habe, (wobei sich die Frage erhebt, welche Art von Gott sich überhaupt von Menschenhirnen entwickeln lässt und die Antwort impliziert, dass Gott eben nichts anderes ist als menschliche Projektion, was wir ja schon von Feuerbach her wissen.) Heiliger, Mystiker, der geistige Wegbereiter des Christentums soll er gewesen sein.

Für die anderen hat er die Lehre Jesu Christi korrumpiert und sabotiert, hat sich sein Apostolat erschlichen, da er Jesus von Nazareth gar nicht persönlich kannte ("Apostel der Ketzer" nach Kirchenvater Tertullian), war Mystagoge und Demagoge. Paulus hat, nach Nietzsches' Ansicht, die Frohe Botschaft der reinen Lebenspraxis in die allerschlimmste verkehrt und so den Erlöser wirklich ans Kreuz geschlagen. Mit seiner Lüge vom wiedererstandenen Jesus verlegte er das gesamte Schwergewicht des Daseins hinter das Dasein und leistete jener Entwicklung den Vorschub, die zur Ausbildung der christlichen Dogmen führte.

"...Wenn man das Schwergewicht des Lebens nicht ins Leben, sondern ins "Jenseits" verlegt - ins Nichts -, so hat man dem Leben überhaupt das Schwergewicht genommen. Die große Lüge von der Personal-Unsterblichkeit zerstört jede Vernunft, jede Natur im Instinkte, - Alles, was wohltätig, was Leben fördernd, was zukunftverbürgend in den Instinkten ist, erregt nunmehr Misstrauen...

...Paulus hat diese Auffassung, diese Unzucht von Auffassung mit jener rabbinerhaften Frechheit, die ihn in allen Stücken auszeichnet, dahin logisiert: "wenn Christus nicht auferstanden ist von den Toten, so ist unser Glaube eitel". - Und mit einem Male wurde aus dem Evangelium die verächtlichste aller unerfüllbaren Versprechungen, die unverschämte von der Personal-Unsterblichkeit ... Paulus selbst lehrte sie noch als Lohn!" ...

An Paulus scheiden sich die Geister. Das geht so weit, dass selbst Theologen behaupten, es habe Paulus überhaupt nicht gegeben und andere, z. B. der Ketzer Marcion, hätten die Paulusbriefe verfasst. Fest steht wohl nach sprach-wissenschaftlichen Untersuchungen, dass von den 14 in der Bibel enthaltenen Paulusbriefen, nur 7 aus derselben Feder stammen und zwar: – der Brief an die Römer, – der erste Brief an die Korinther, – der zweite Brief an die Korinther, – der Brief an die Galater, – der Brief an die Philipper, – der erste Brief an die Thessalonicher, – der Brief an Philemon.

Doch auch an der Echtheit dieser verbliebenen Briefe sind schon im 18. Jahrhundert Zweifel aufgetaucht. Warum etwa schreibt Paulus an die römische Gemeinde einen langen Brief, wenn er anschließend gleich selbst nach Rom reist? Warum wendet er sich an das Bergvolk der Galater in so komplizierten Worten, dass ihn dort bestimmt keiner verstanden hat?  Warum spielt er zwischen 50 und 60 schon auf die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 an? Und warum tauchen die Briefe erst im 2. Jahrhundert auf? Weshalb erwähnt ihn sonst nur die Apostelgeschichte und keine andere zeitgenössische Quelle, wenn er angeblich doch so eine überragende Persönlichkeit war?

Wie wir schon bei Jesus Christus gesehen haben, so verlaufen sich auch bei Paulus die historischen Wurzeln im Dunkeln. Das Bild des Paulus, welches der angebliche „Historiker“, besser Geschichtenschreiber Lukas in seiner Apostelgeschichte zeichnet, ist unter historischen Gesichtspunkten weithin völlig unbrauchbar. Das wird seit Baur von den meisten Theologen anerkannt. (Ferdinand Christian Baur, * 1792, † 1860 Professor in Tübingen, deutscher Kirchen- und Dogmenhistoriker; führte die historisch-kritische Methode in die neutestamentliche Forschung ein: Tübinger Schule). 

Und so ist es nicht zu weit gegriffen, wenn man behauptet, dass der Verfasser der Apostelgeschichte, wie auch die Verfasser der Evangelien, uns unbekannte kirchliche Schriftsteller aus dem 1. und 2. Jahrhundert sind, die einen Apostel namens Paulus nicht persönlich kannten. Das, was Lukas uns über ihn und sein Wirken berichtet, sind keine Nachrichten aus erster Hand. Das gesteigerte Interesse des Verfassers an mirakulösen, wunderbaren Erzählungen, Heilungs-, Befreiungs- und Strafwundern, das „Überwiegen der Personallegende“ erweckt vielmehr den Eindruck, dass  es hier um eine retrospektive Konstruktion geht, deren Form weitgehend der Rhetorik des griechischen Romans entlehnt ist und deren Absichten die moderne Kritik unzweideutig aufgedeckt hat. Uta Ranke-Heinemann (Prof. Dr. theol., * 1927) hat das, was uns die Apostelgeschichte über das Wirken des Paulus und seines Kollegen Petrus berichtet, unter die Überschrift: "Die Märchen der Apostelgeschichte" gestellt, die von allerlei Wundertaten der Apostel, von Krankenheilungen und Toten -Erweckungen, von einer wunderbaren Befreiung aus dem Gefängnis zu mitternächtlicher Stunde, von Engeln, die plötzlich erscheinen usw. berichten. Man wird mit gutem Grund sagen können, dass wir es hierbei nicht mit der Darstellung von Geschichte zu tun haben, sondern, dass hier an einer Legende gewoben wird, freilich nicht nur an der des Paulus, sondern an derjenigen der urchristlichen Kirche und ihrer Apostel insgesamt.

Wahrscheinlich braucht man noch nicht einmal ein besonders kritischer Geist zu sein, um sich die Frage zu erlauben, welche Gründe die theologische Wissenschaft heute noch zu dem sehr selbstsicher vorgetragenen Urteil berechtigen, dass die paulinischen Briefe bzw. der Teil davon, den die heutige Kritik noch als „echt“ anerkennt, authentische Schreiben des Apostels aus der Mitte des ersten Jahrhunderts sind. Anders gefragt: Was berechtigt die modernen Verfechter dazu, im Fall des Apostels Paulus die Ausnahme – und zwar die einzige! – von der von ihnen selber aufgestellten Regel zu statuieren, dass nämlich die im biblischen Kanon enthaltenen Schriften durchweg nicht von den in ihnen genannten Verfassern, sondern von pseudonymen Autoren stammen?
 

Beim Studium des überlieferten Schriftgutes zeigt sich einem das Bild eines recht seltsamen Heiligen:

Abstammend aus Tarsus in der heutigen Türkei und aufgewachsen in einer streng jüdischen Familie besaß er tarsisches und römisches Bürgerrecht. Von Beruf war er Zeltmacher (Apg 18,3), war im hellenistischen Diasporajudentum religiös sozialisiert und erhielt eine pharisäisch-theologische Ausbildung bei dem im Judentum sehr bekannten und geachteten Pharisäer Gamaliel dem Älteren (Apg 22,3). Er war weltoffener Städter und viel gereist.

 

Vom Temperament eher orientalisch aufbrausend, beschimpfte er seine Gegner oft wüst, unbeherrscht und unheilig, als Tempelräuber und Ehebrecher (Röm 2,22 f.), als Gemeine und Menschenräuber, Vatermörder, Muttermörder, Menschenmörder, als Lügner und Meineidige, Unzüchtige und Knabenschänder (1 Tim 1, 9-10); wünscht ihnen dass sie gleich ganz zerschnitten oder entmannt werden, (Gal 5,12), .

Eiferer und wohl auch eifersüchtig und intolerant war er in Bezug auf Simon Kephas, genannt Petrus, auf Jakobus, den Bruder Jesu und Vorsteher der Urgemeinde, ja auf alle, die Jesus persönlich kannten. Wahrscheinlich wertete er deswegen den Umgang mit dem lebenden (fleischlichen) Jesus ab und legte sein Hauptaugenmerk und seine Aufwertung auf den nachösterlichen, geistigen, imaginierten Messias- Erlöser. Seine Briefe enthalten bei näherer Betrachtung so gut wie keine Angaben über die geschichtliche Gestalt Jesu. In dem bekannten Paulusbuch des Theologen G. Bornkamm wird von dem „erstaunlichen Sachverhalt“ gesprochen, dass Paulus nirgends „…von dem Rabbi von Nazareth, dem Propheten und Wundertäter der Zöllner und Sünder, von seiner Bergpredigt, seinen Reich-Gottes-Gleichnissen und seinem Kampf gegen Pharisäer und Schriftgelehrte“ redet. Alles, was wir bei Paulus über Jesus erfahren, bleibt eigenartig blass und schemenhaft: Jesus ist „geboren aus dem Weib, getan unter das Gesetz“ (Gal 4,4), er gehört als Same Abrahams (Gal 3,18) und Abkömmling Davids (Röm 1,4) zum Volk Israel (Röm 9,4), er hat gelitten (Röm 8, 17), er ist am Kreuz gestorben (Röm 6,6), begraben (Röm 6,4) und wieder auferstanden (Röm 4,24; 6,4). Wann und wo dies alles geschehen sein soll, erfahren wir nicht. Wie in dem Apostolischen Glaubensbekenntnis klafft zwischen Geburt und Tod Jesu bei Paulus eine große, rätselhafte Lücke. Im Gegensatz zum Glaubensbekenntnis, in dem immerhin von Maria und Pontius Pilatus die Rede ist, fehlt in den paulinischen Briefen nicht nur der Name der Mutter Jesu sowie der des römischen Statthalters, sondern auch andere aus den Evangelien vertraute Namen und Begriffe (z.B. Johannes der Täufer, Josef, Galiläa und Jerusalem, Getsemani und Golgota).

Nur die Führer der Urgemeinde, Kephas bzw. Petrus, Jakobus und Johannes, werden erwähnt und zwar im Zusammenhang mit seinem Konflikt mit der Urgemeinde und den Vorwürfen gegen ihn. So bezichtigt er Petrus, nicht richtig nach der Wahrheit des Evangeliums zu wandeln (Gal 2,14); wo hingegen ihm selbst vorgeworfen würde, ein anderes Evangelium zu predigen (Gal 1,7); sein Evangelium sei dunkel verhüllt (2 Kor 4,3); er verdrehe das Wort Gottes (2 Kor 4,2); er habe einen anderen Geist (2 Kor 11,4). (Das wird so auch zutreffen, denn die vier heute bekannten Evangelien waren zum Zeitpunkt der Abfassung seiner Briefe noch nicht geschrieben und als Nicht-Augenzeugen waren der blühenden Phantasie des Paulus bei seinen Schilderungen Tür und Tor geöffnet). Aus dem geschilderten Konflikt heraus lässt sich auch erklären, dass man sich nicht gegenseitig ins Gehege kommen wollte und so erhielt Petrus die "Heimspiele" zur Unterrichtung der Juden, während Paulus zu den "Auswärtsspielen" zur Unterrichtung der so genannten "Heiden" geschickt wurde. (Gal 2, 7-9), die seinen gepredigten, jenseitigen Messias zumindest teilweise mit Begeisterung aufgenommen haben müssen, für ihn zugleich Bestätigung und Antrieb, sodass er sagen konnte: "So jemand den Herrn Jesus Christus nicht lieb hat, der sei verflucht. Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit euch!" Liebe, Fluch und Gnade in einem Atemzug, das ist  der "heilige" Paulus, wie er leibt und lebt.

Widersprüchlich äußert er sich in Bezug auf die Thora (hebräisch: Gesetz, Weisung, Lehre), im Judentum Bezeichnung für den Pentateuch, der in der Synagoge in Form einer Pergamentrolle aufbewahrt und aus dem während des Gottesdienstes am Sabbat vorgelesen wird. Der Text der Thorarolle besteht aus den fünf Büchern Moses und ist das Kernstück des jüdischen Glaubens und Gesetzes): in Röm 7, 12 u. 14 bezeichnet er sie als gerecht, heilig gut und geistlich; in 7, 13 als zur Sünde führend, um in Gal 3, 13 dann vom Fluch des Gesetzes zu sprechen und in Röm 3, 31 zu beteuern: heben wir durch den Glauben das Gesetz auf? Keineswegs, wir bringen das Gesetz zur Geltung. Nicht von ungefähr klagt der 2. Petrusbrief, dass so manches in den Briefen des Paulus schwer verständlich sei (2 Petr 3, 16). Und weil Paulus in Röm 10, 4 geschrieben hatte, dass Christus des Gesetzes Ende ist, wurde Jesus Christus, der gemäß Mt 5, 17 ff. beschwört, dass Himmel und Erde vergehen würden, ehe ein einziges Gebot der Thora verginge, von der christlichen Kirche zum Überwinder der Thora umfunktioniert, die mit ihm angeblich ihre Gültigkeit verloren habe. Das hatte zur Folge, dass ganz Israel (im Denken der christlichen Kirche) seiner Erwählung, seiner Geschichte und seiner Zukunft beraubt wurde, mit allen Folgen, die wir kennen, bis hin zur Shoah, bzw. zum Holocaust.

Von den kirchlichen Instanzen wird dabei geflissentlich der 2. Halbsatz von Röm 10, 4 übersehen, welcher sagt: ...zur Gerechtigkeit für jeden, der an Christus glaubt. Das kann in der paulinischen Version nur heißen, dass nur für die Christusgläubigen das Gesetz zu Ende sei und auch wiederum nur als Heilsweg oder als Modalität der Rechtfertigung, also eine zweifache weitere Einschränkung. Jedwede Verabsolutierung in einem allein selig machenden Weg begründet ein neues Pharisäertum par excellence, wie es auch heute noch, besonders in der katholischen Kirche gepflegt wird.

Bei seinen Heidenmissionen wird ein klares Schema erkennbar:
Wenn Paulus, ein Meister der Manipulation, in eine Stadt kommt, wird er zuerst in deren Synagoge aktiv. Seine starrsinnige Behauptung, dass Jesus der Messias ist, läuft in den Augen der meisten Juden und aus guten Gründen auf einen Betrug hinaus. Nach Zwischenfällen, die zeitgemäß oft gewaltsamen und sogar lebensbedrohlichen Charakter haben, zieht P. sich aus der Synagoge zurück, kommt bei lokalen Sympathisanten unter, versucht eine "gemischte" Gruppe zu bilden aus Juden und Heiden (Proselyten), wobei letztere bald durch Konzessionen an die jüdischen Riten die Überzahl gewinnen. Sobald eine Gruppe hinreichend konsolidiert ist und dann "ecclesia" benannt wird, gibt er die Leitung an überzeugte und eifrige Glaubensgenossen ab und reist dann weiter.
Paulus versteht es, den kleinen Kern von Gläubigen, der sich in einer Stadt gebildet hat, mit der ganzen Region zu identifizieren. Die Thessalonicher, die Korinther oder gar die Römer, an die er seine leidenschaftlichen und in majestätischem Ton gehaltenen Briefe richtet, sind vermutlich ein paar in den Städten verlorene "Glaubensgenossen". Sich mit einer "Wahrheit" zu identifizieren, macht anonyme Einzelne immer zu Vertretern der ganzen Menschheit. (Siehe katholische Kirche).
Für Paulus ist ein Wahrheitsprozess so beschaffen, dass er keine Stufen kennt. Entweder nimmt man daran teil, bekennt sich zum Gründungsereignis und zieht daraus die Konsequenzen, oder man bleibt ihm fremd. Diese Unterscheidung, die kein Zwischenglied und keine Vermittlung erlaubt, ist völlig subjektiv. Sie ist der Preis, der für den Status der "universalen Wahrheit" zu entrichten ist. Die äußeren (jüdischen) Kennzeichen und die Riten können nichts zu ihrer Begründung beitragen. Anderenfalls müsste sonst auf Satzungen und besondere Verfahren zurückgegriffen werden, was die neue Lehre jedoch in ihrer weltweiten  Entwicklung blockieren würde. Paulus betrachtet also alle "Bekehrten" als voll praktizierende Gläubige, ungeachtet ihrer Bildung und Herkunft. (Siehe auch "Die Wahrheit bei Paulus"). In diesem Zusammenhang gewinnt eine Frage besondere Bedeutung:

 

War Paulus ein Christ?

 

"Im Grunde gab es nur einen Christen und der starb am Kreuz. Das 'Evangelium' starb am Kreuz. Was von diesem Augenblick an 'Evangelium'  heißt, war bereits der Gegensatz dessen, was er gelebt: eine 'schlimme Botschaft', ein Dysangelium. Es ist falsch bis zum Unsinn, wenn man in einem 'Glauben' etwa im Glauben an die Erlösung durch Christus das Abzeichen des Christen sieht: bloß die christliche Praktik, ein Leben so wie der, der am Kreuze starb, es lebte, ist christlich".

(Nietzsche, dt. Philosoph, 1844-1900)

 

Der Paulus der Bibel war Jude und kein Christ, wenn auch Gelehrte und Kirchenführer  Jahrhunderte lang behauptet haben, dass der Apostel Paulus eine vollständige Abkehr der neutestamentlichen Kirche von der jüdischen Lebensweise befürwortet habe. Heute jedoch verändert sich diese Sichtweise. James D. Tabor, Vorsitzender der Abteilung für religiöse Studien an der University of North Carolina in Charlotte befasst sich mit biblischen Studien mit dem Schwerpunkt "christliche Ursprünge und antiker Judaismus". Hier seine Meinung zum Thema :

"Die Vorstellung, dass es zur Zeit Jesu eine einzige Form von Judaismus gegeben hätte, ist weitgehend falsch. Richtigerweise müsste man von Judaismen sprechen. Sogar eine unserer besten zeitgenössischen Quellen, der jüdische Historiker Josephus, spricht von drei Richtungen des Judaismus (die wir auch aus der Bibel kennen): Pharisäer, Sadduzäer und Essener. Von anderen Quellen erfahren wir von 20 zusätzlichen Variationen. Die Entdeckung der Qumran-Rollen hat das wirklich klar gemacht. Wenn man im ersten Jahrhundert gesagt hätte: „Er ist jüdisch“, wäre das heute vergleichbar damit, jemanden ohne jegliche Differenzierung als Christen zu bezeichnen, da es ja rund 330 christliche Sekten und Richtungen gibt. Es würde nicht viel aussagen.
Wenn man das Neue Testament öffnet, ist eine der interessantesten Fragen: „Wie wurden die Nachfolger Christi genannt?“ In der Apostelgeschichte, die unsere früheste interne Aufzeichnung der Gruppe ist, finden wir zwei Dinge. Erstens, sie werden eine beträchtliche Zeit lang nicht Christen genannt. Erst als sie in die hellenistische Stadt Antiochia kommen, werden sie „Christen“ genannt - ungefähr ein Jahrzehnt nachdem die Bewegung entstand. Aber es ist ganz eindeutig kein dominanter Name. Der Name, der aufkommt, ist ein beschreibender Terminus, wie z. B.: „Die Nazarener“. Wenn man in das erste Jahrhundert zurückgehen könnte, um das antike Judentum zu studieren, müsste man sie (die ersten Christen) dem Judentum zurechnen..
In diesem Zusammenhang nun stellt sich die Frage, war Paulus ein Christ? Denn wenn man irgendjemanden als Christen bezeichnen könnte, würde man zuerst an Paulus denken, solange man das nicht etwas distanzierter betrachtet. Er aber predigt den hebräischen Gott, Jahwe oder Jehova. Er berichtet den Heiden über die hebräische Bibel. Sie wird ins Griechische übersetzt, aber sie beinhaltet im Grunde Abraham, Isaak und Jakob. Anstatt über Zeus, Apollo und das Pantheon zu sprechen, hören sie jüdische Geschichten. In den Paulusbriefen bezieht er sich auf Geschichten, so als ob sie bekannt sind oder sein sollten: „... unser Vater Abraham“, „... betrachtet Isaak“, usw. Er erwartet von diesen Heiden, sehr judaisiert zu sein. Er zeigt ihnen eine sehr jüdische Form von Moral, eine jüdische Sicht von Zeit, Zukunft und den letzten Dingen (Eschatologie) - eine sehr apokalyptisch - pharisäische Sicht. Wenn man das alles zusammenfasst, wie müsste man diese Leute nennen? Es ist sehr klar, dass diese Bewegung im ersten Jahrhundert als Teil des Judentums zu sehen ist.

Die zwei Menschen, die Paulus wohl am meisten missverstanden haben, indem sie ihn nicht in seinem historischen, jüdischen Kontext sahen, waren Augustinus und Luther. Aus dem Blickwinkel Martin Luthers und der protestantischen Reformation wurde Paulus als "evangelischer Apostel" zum Verfechter einer protestantischen Version des Christentums. Wenn wir allerdings zurückgehen und uns von Paulus leiten lassen, finden wir einen guten Pharisäer, der sich durch seine Kenntnisse des Judentums auszeichnete, der das Passahfest kannte, das jüdische Pfingstfest und das Laubhüttenfest. (Zunächst war das Pfingstfest im Judentum ein Erntefest, das erst in späterer Zeit christianisiert wurde: Man gedachte des Bundesschlusses am Berg Sinai, wo Israel die zehn Gebote Gottes empfing. Zu diesem Gedächtnis pilgerte man in die heilige Stadt Jerusalem zum Tempel). Weiterhin kannte Paulus den Sabbat und konnte nichts von christlicher Geschichte und Tradition wissen, die sich ja zu seiner Zeit gerade erst anfingen zu entwickeln. Wenn wir ihn in diesem Kontext sehen, ist Paulus auch kein Protestant. Er protestierte weder gegen das Judentum, noch gegen die gerade entstehende katholische Kirche. Paulus ist vor allem eine Art Visionär einer jüdischen Zukunft hellenistischen Geistes, die die ganze Welt einschließt".   
"Heute deutet alles darauf hin, dass die von Paulus "missionierten" Heiden sich einem Lebensstil angepasst haben, der von Außenstehenden als jüdisch bezeichnet werden würde. Sie treffen sich nicht am Sonntag, sie halten Gottesdienste nicht in einer Kirche, sie wissen nichts von Ostern oder Weihnachten oder einem christlichen Kalender. Sie besuchen Versammlungen am Sabbat, dem siebten Tag, am Samstag.  Als Brücke zu den Heiden sagt Paulus: »Ich lebe, aber doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir« (Gal. 2, 20.) Dies kann er nur aus der griechischen, heidnischen Vorstellung vom Geiste Gottes heraus meinen. Christus ist für ihn ein Pneuma. Er sagt selbst: »Der Herr ist der Geist« (2. Kor. 3,17), und so lebt er selbst gar nicht mehr, Christus lebt in ihm, spricht aus ihm, ist er selbst geworden. Das ist der Sinn, in dem er sich  als die große Kraft Gottes fühlt, ein religiöses Gefühl, das den Juden unverständlich war, da sie es mit ihrer religiösen Vorstellungsart nicht in Verbindung bringen konnten, ohne eine Gotteslästerung zu begehen. (Der Gott der griechischen Philosophen seiner Zeit  ist ein Geist, ein Pneuma von feuriger Natur, das nicht über den Menschen kommt, sondern in ihn eingeht. In der Ekstase verlässt die menschliche Seele den Körper, um dem göttlichen Pneuma Platz zu machen, das nun an die Stelle der Seele tritt, den Menschen ganz erfüllt, ihn von innen her umwandelt und zum Gotte macht: Damaskuserlebnis des Pauluis)

 

Eines der Dinge, die wir in den Paulusbriefen und in der Apostelgeschichte feststellen, ist die offensichtliche Annahme von Seiten der Autoren, dass sie größtenteils nichtjüdische Zuhörer ansprechen, die als Proselyten an der jüdischen Kultur partizipieren. Zum Beispiel, als Paulus nach Philippi kommt, geht er am Sabbat an einen Platz, an dem sich Menschen zum Gebet treffen. Man könnte es Kultur nennen, aber es ist jüdische Kultur, nicht heidnische Kultur. Sie treffen sich an einem jüdischen Festtag, sie richten gewissermaßen ihre Gebet an den jüdischen Gott, lesen die jüdischen Schriften; und doch sind sie Nichtjuden. Diese Nachfolger des Paulus folgen im Grunde dem Rhythmus jüdischen Lebens. Sie sind mit dem [jüdischen] Kalender sehr vertraut, den heiligen Tagen, und es ist klar, dass sie aus diesen Tagen eine gewisse Bedeutung ableiten.

Wenn man in griechisch-römischen Quellen nachforscht, wie man die Juden in den ersten 300 Jahren beurteilt hat, sieht man ein interessantes Spektrum von Gegensätzen. Einerseits machen sich viele über die Juden lustig - sie verschwenden ein Siebtel ihres Lebens im Nichtstun (bezogen auf den wöchentlichen Ruhetag) oder haben seltsame Essgewohnheiten. Man findet aber auch Hinweise, dass das Judentum populär war - Leute nehmen jüdische Bräuche an und finden diese attraktiv und interessant, selbst im Urteil heidnischer Schreiber. Noch interessanter wird es, wenn wir einen Sprung ins Antiochia des 4. Jahrhunderts machen, in die Zeit des Kirchenlehrers Johannes Chrysostomos. Er ist sehr judenfeindlich und stolz, dass das Christentum das Judentum ersetzt hat. Aber in der Hälfte seiner Predigten sagt er den Leuten: Geht nicht in die Synagogen, hört auf mit dem Sabbat halten, hört nicht auf eure jüdischen Nachbarn und darauf, was ihr essen sollt! Es wird hier sehr klar, dass Christen noch im 4. Jahrhundert Kontakt mit den Juden hatten und Interesse an jüdischen Dingen zeigten. Wenn wir von da 300 Jahre zurückgehen, in die Zeit Paulus', in welcher es an sich kein Christentum gibt, sehen wir Nichtjuden, Heiden, die sich der Paulinischen Bewegung anschließen und so eigentlich im kulturellen Sinne zu Juden werden. Sie schließen sich einem Nebenarm an, so zu sagen einer Art Judentum für Nichtjuden". Der Ausdruck Proselytismus (gr. προσέρχομαι prosérchomai „hinzukommen“) bezeichnete ursprünglich die Hinwendung anderer Völker zum Judentum, ohne jedoch schon Jude zu sein).

 

Merke: "Der Christ ist nur ein Jude "freieren" Bekenntnisses".

(Friedrich Nietzsche, "Antichrist").

 

 

 

Paulus im Lichte körperlicher und seelischer Gesundheit: -sein gestörtes Verhältnis zu Frauen und zum Leiblichen, zum "Fleische."

 

Hören wir einige markante Vorurteile des Mannes aus Tarsus:

  • Die Frau ist lediglich ein Abglanz des Mannes... sie stammt vom Mann... sie wurde um des Mannes willen geschaffen (1 Kor 11, 7-9)

  • Die Frauen sollen sich unterordnen und in der Gemeinde schweigen. (1 Kor 14, 34)

  • Ein Weib soll in der Stille mit aller Untertänigkeit lernen. Ihr ist nicht gestattet, dass sie lehre und des Mannes Herr sei, sondern stille sei (1 Tim 2,11-12)

  • Ein Mann möge keine Frau berühren. Wegen der Gefahr der Unzucht soll aber jeder seine Frau haben (1 Kor 7, 1)

  • Nicht die Frau verfügt über ihren Leib, sondern der Mann (1 Kor 7,4)

  • Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet, wie ich (1 Kor 7, 7)

  • Wer eine Frau hat soll sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine (1 Kor 7, 29)

  • Ich weiß, dass in meinem Fleisch nichts Gutes wohnt (Röm 7, 18).

Für diese Frauenfeindlichkeit gibt es mehrere Erklärungen, sicherlich teilweise Spekulationen, welche aber durchaus Sinn machen:

  • Griechische Einflüsse gesellschaftlicher Art, deren exponierteste männliche Vertreter aus dem Leib - Seele - Dualismus heraus das Leibliche, Fleischliche bis zur Selbstkastration hin abzutöten versuchten, um sich dadurch besser im Seelisch - Geistigen zentrieren zu können. Frauen standen einem solchen Prozess natürlich im Wege.

  • Der persönliche Gesundheitszustand des Paulus, vermutlich litt er an Epilepsie (siehe auch weiter unten unter "Damaskuserlebnis"), da er mehrfach Andeutungen diesbezüglich macht:  Er habe einen Stachel im Fleisch, des Satans Bote (2 Kor 12,7); als letztem erschien Christus ihm, der Missgeburt, (Fehlgeburt) oder (unzeitigen Geburt) (1 Kor 15,8); Gott, der mich von meiner Mutter Leibe an abgesondert, (ausgesondert) oder (ausgewählt) hat... (Gal 1,15). Bei den letzten beiden Beispielen zeigt sich in der Reihenfolge der Übersetzungen in Klammern eine bewusst vorgenommene Verfälschung des ursprünglichen Textes: bei der "Missgeburt" kann man durch die Verfälschung in "unzeitige" Geburt nunmehr hineindeuten, dass P. zur "Unzeit" i. e. nach dem Tode Christi ins angebliche Apostolat berufen wurde, aus der "Absonderung" von Mutterleibe an wurde die "Auserwählung", die Berufung, was so nicht stimmen kann, denn de facto wurde P. zunächst einmal zum gesetzestreuen Pharisäer berufen. In 1 Kor 9,27 schreibt Paulus, er betäube seinen Leib und zähme ihn, oder er züchtige und unterwerfe seinen Leib oder er bezwinge ihn... sodass er ihn ganz in Gewalt bekomme. Auch das lässt auf Epilepsie schließen, eine Krankheitsform, bei welcher auch die Sexualität beeinträchtigt ist: "Epilepsie-Patienten leiden nicht nur unter ihren Anfällen. Auch sexuelle Probleme begleiten ihre Erkrankung. Dabei handelt es sich um mehr als rein seelische Phänomene. Wie J. Bauer und Mitarbeiter erläutern, beeinflussen Epilepsien insbesondere auch während der anfallsfreien Zeit deutlich den Hormonhaushalt. In dieser Phase ist die EEG-Aktivität nämlich ebenfalls und zwar fast permanent verändert. Gleichzeitig findet sich bei Männern eine signifikante Erhöhung des Serum-Prolaktins, wie Befunde bei 12 Patienten mit komplex-partiellen Anfällen andeuten. Außerdem scheinen sich Epilepsien unmittelbar auf die Hormonproduktion im Hoden auszuwirken. Dies ergab eine Studie an 20 Männern mit einer unbehandelten Temporallappenepilepsie. Bei ihnen fand sich im Vergleich zu Gesunden eine signifikant niedrigere Serumkonzentration von freiem Testosteron und ein signifikant kleinerer Quotient aus freiem Testosteron und luteinisierendem Hormon (LH)...  Unabhängig davon ist es ein Faktum, dass männliche Epilepsie-Patienten vermehrt über Potenzstörungen und ein gebremstes Sexualleben klagen. So berichteten in einer Befragung von Männern 98 Prozent der Gesunden, aber nur 56 Prozent der Epilepsie-Kranken darüber, in ihrem Leben bereits Geschlechtsverkehr vollzogen zu haben. Ähnlich deutlich unterscheiden sich die Angaben zu Potenzstörungen (Gesunde: 18 Prozent, Erkrankte: 57 Prozent) und Störungen der morgendlichen Spontanerektion (Gesunde: keiner, Erkrankte: 18 Prozent)... (J. Bauer u. a.: Einflüsse der Epilepsieerkrankung auf reproduktive endokrine Funktionen beim Männern. Akt. Neurol. 2004 (31) 55-59)".
     

  • Aus tiefenpsychologischen Gründen ist es nahe liegend, dass Paulus dazu hin Hermaphrodit, androgyn mit überwiegend männlicher Identität war. Seine Lieblingsthemen "Beschneidung" (von ihm oftmals als "Zerschneidung", auch "Entmannung" gekennzeichnet) und die  "Unzucht" in allen Variationen gepaart mit seiner Frauenfeindlichkeit und seinem eigenen Kampf gegen das Fleisch lassen darauf schließen.

    (In zahlreichen Kosmogonien der Menschheit ist der Androgyn das Symbol des Urmenschen (Adam Kadmos), den man sich vor der Geschlechterteilung und Differenzierung in Mann und Frau als einen Zwitter vorstellte. Der Androgyn ist der Symbolwelt der Gnosis entlehnt, die die Weltschöpfung als eine "heilige Hochzeit" von Himmel und Erde erklärt und auch die Erlösung des Menschen als einen Prozess der Zeugung ansieht. Denn die jungfräuliche Seele empfängt den göttlichen Samen des Lichts, wird schwanger und gebiert den neuen geistigen Menschen in sich selbst. (Vergleiche mit dem Christentum und der Pauluslehre sind erlaubt).

    In der griechischen Mythologie hat am schönsten den Urmythos der Hochzeit von Himmel und Erde Aischylos in dem Danaidenfragment zum Ausdruck gebracht, wo er Aphrodite sprechen lässt:


    Es sehnt der keusche Himmel sich, zu umfahn die Erd‘.
    Sehnsucht ergreift die Erde, sich zu vermählen ihm.
    Vom schlummerstillen Himmel strömt des Regens Guss.
    Die Erd‘ empfänget und gebiert den Sterblichen
    Der Lämmer Grasung und Demeters milde Frucht;
    Des Waldes blühenden Frühling lässt die regnende
    Brautnacht erwachen: Alles das, es kommt von mir. (Von der Aphrodite)
    (Aischylos, Frgm. 44 Nauck)
     

     In der griechischen Mythologie ist Hermaphroditos, (der göttliche Zwitter), wie der Name sagt der Sohn des Hermes und der Aphrodite.

     

    (Aphrodite und Hermes in einem von Eros und Psyche gezogenen Wagen).

(Aphrodite hatte das Kind den Nymphen des Ideagebirges bei Troja anvertraut. Auf seiner Wanderschaft von seiner Heimat am Berg Ida in Phrygien (die Kolosser und Galater, an die Paulus später Briefe schreibt, stammen aus dieser Region) nach Halikarnassos in Karien (nicht weit von Ephesus)  trifft Hermaphroditos auf Salmakis. Diese hält ihn für Amor und verliebt sich leidenschaftlich in ihn.

 

Der erst fünfzehnjährige Hermaphroditos weist sie jedoch zurück. Als er zu einem späteren Zeitpunkt einmal aus Versehen in ihrer Quelle badet, umarmt sie ihn und zieht ihn mit sich in die Tiefe, bis auf den Grund. Hier bittet sie die Götter, sie beide für immer zu vereinen. Sie wird erhört, und die beiden Körper verschmelzen zu einem Zwitterwesen, einem weiblichen Knaben. Dieses neue Wesen, ebenfalls Hermaphroditos genannt, betet nun, dass alle Menschen, die in dieser Quelle baden, dasselbe Schicksal ereilen möge wie ihn. Hermaphroditos' Eltern, Hermes und Aphrodite erhören diese Bitte, und die Quelle verwandelt von nun an Menschen in Hermaphroditen).

Die bekannteste Version dieses Hermaphroditos-Mythos stammt aus Ovids Metamorphosen, vermutlich im Jahre 1 n. Chr. geschrieben. Es ist ein mythologisches Werk über Metamorphosen ("Verwandlungen"). Sie beschreiben die Entstehung und Geschichte der Welt in den Begriffen der römischen und griechischen Mythologie. Seit seinem Erscheinen war es stets eines der populärsten mythologischen Werke überhaupt und hatte einen enormen Einfluss auch auf die Literatur des Mittelalters. Ovid wählt sich die in Mythen so häufig anzutreffenden Verwandlungsgeschichten zum Thema. (Erde-Mensch; Körper-Geist). Hermaphroditos ist außerdem die mythologische Ausdrucksform einer Göttlichkeit  in der weiblichen Version, die hinsichtlich des Geschlechts noch nicht differenziert war und auch als Relikt aus der Frühstufe maternaler Religion angesehen werden kann, die der großen Göttin. (Wiederum sind Vergleiche mit dem Christentum und der Pauluslehre in abgewandelter Form erlaubt)

Nach Überlieferung des THEOPHRAST (372 - 287 v. Chr.), bei dem sich die erste Erwähnung androgyner Gottheiten außerhalb des Orients findet, wurden in Griechenland im Innern des Hauses Standbilder des Hermaphroditos aufgestellt, die man am jeweils vierten und siebenten Tag des Monats mit Kränzen schmückte. Der vierte Tag war dem Hermes und der Aphrodite heilig und galt als besonders günstiger Tag für die Liebe also der Vereinigung der sonst getrennten Geschlechter).

Paulus ist dem Nachfolger des Hermes und Götterboten,  dem Christus-Logos gewidmet, dem Mittler zwischen Gott und den Menschen. (Apg. 14, 12: ... "und sie nannten den Paulus Hermes, weil er der Wortführer war...) und zugleich der Aphrodite, der göttlichen, jenseitigen Liebe (..."Es beweist, dass im Himmel das Gute ist und die der Seele eingeborene Liebessehnsucht; dem gemäß wird auch in Schriften und Mythen der Eros mit den Seelen verbunden. Denn da jene verschieden ist von Gott, aber aus ihm stammt, so sehnt sie sich nach ihm mit Notwendigkeit; und dort weilend hat sie die himmlische Liebe, denn dort ist die himmlische Aphrodite, während sie hier gleichsam zur gemeinen Hetäre wird; und es ist jede Seele eine Aphrodite"...) (Plotin, 3.Jh.  Deutung in: "Die Quelle des Lebens"). Ein Hermaphrodit also ist Paulus. Ein solcher wird in Anknüpfung und in der Fortsetzung der griechisch-hellenistischen Mythologie und Mysterien und in deren Übersetzung in die neue Religion hinein, in der Person des Paulus geschildert. Den Griechen ist Paulus ein Grieche mit Konzessionen an deren Philosophie und Mythologie, den Hebräern ist er ein Hebräer pharisäischer Tradition und Apokalyptik: er ist beides. Er ist weise, und gesetzestreu, und doch hat er im Geiste beides überwunden. Er kämpft gegen das Diesseits "im Fleische" an, ohne ihm entfliehen zu können gelangt aber auch nicht, trotz seines Wunsches, ganz ins Jenseits, welches er nur "im Geiste",  verkörpert. ("Wie durch Adams Sünde die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist (Adams Erbe, das Fleisch, welches Paulus züchtigt), so durch Christi Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens (Christi Geist, den er predigt)." Röm. 5,18.) Paulus ist weder ganzer Mann, noch eine Frau, weder Fleisch, noch Fisch, er  ist  Dualist, er ist beides und steht über beidem, die Fortsetzung des griechischen Hermaphroditos sowohl im Fleische, (daran ändert auch seine eigene Beschneidung (Phil 3,5), je nach Ausprägung der primären Geschlechtsmerkmale nichts), wie auch im Geiste, er ist eine Zwitter-Gottheit, stellt er sich doch in seinen Briefen äußerst unbescheiden über alle Menschen, belehrt, ermahnt, schulmeistert, ist letzte Instanz einer Lehre, die er direkt von "oben" bezieht, bezeichnet sich als Engel, der im 7. Himmel war, er ist ein Gefangener des Logos, des Evangeliums, (siehe auch Paulus und das Evangelium) ein Prediger der "Über-Vernunft", der Unvernunft.  Alleine deshalb schon war ihm sein Erfolg gesichert. (Man vermeint, "Simon Magus, den Magier" zu vernehmen).

Das "Damaskuserlebnis" des Paulus (Apg 9,3), bei dem er zu Boden stürzte und Auditionen und Visionen hatte, (bei der Audition wird eine halluzinierte Botschaft von einer übernatürlichen Stimme in akustischer Form, zumeist sprachlich gehört, bei der Vision handelt es sich um um halluzinierte optische Wahrnehmungen von empirisch nicht Vorhandenem im Zustand herabgesetzten Bewusstseins) wird medizinisch heute als epileptischer Anfall gedeutet.

Die Epilepsie ist eine Störung der Gehirnfunktion (auch heute noch nicht vollständig erforscht), bei welcher die normale Kontrolle des Gehirns über den Körper versagt. Bei weniger heftigem  Auftreten werden Sinneseindrücke von den Kranken falsch gedeutet, und sie leiden dann an Halluzinationen. In schwereren Fällen können die Muskeln nicht mehr kontrolliert werden, der Epileptiker fällt zu Boden, schreit, zuckt krampfartig und verletzt sich manchmal erheblich.

Epilepsie fasziniert und ängstigt die Menschen seit jeher gleichermaßen. Historische Persönlichkeiten wie Alexander der Große, Sokrates und Caesar waren an einer Epilepsie erkrankt und leisteten trotzdem Gewaltiges. Dennoch wurde Epilepsie von der Volksmedizin bis ins 19. Jahrhundert mit Besessenheit erklärt. Dies war nicht immer negativ gemeint. Epileptische Anfälle wurden beispielsweise mit Ekstase (von griech.: ekstaseo = aus sich heraus treten, außer sich sein) oder Enthusiasmus – aus dem griechischen „Gott - erfüllt - Sein“ - beschrieben. (Es sei wiederholt: der Gott der griechischen Propheten war ein Geist, ein Pneuma von feuriger Natur, das nicht über den Menschen kommt, sondern in ihn eingeht. In der Ekstase  verlässt die menschliche Seele den Körper, um dem göttlichen Pneuma Platz zu machen, das nun mit Enthusiasmus (Gott erfüllt sein) an die Stelle der Seele tritt, den Menschen ganz erfüllt, ihn von innen her umwandelt und zum Gotte macht. »Ich lebe, aber doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir«).  

Hippokrates überschrieb sein Kapitel über die Epilepsien mit „Die Heilige Krankheit“. Man glaubte nämlich damals, dass nur Götter befähigt seien, Menschen aus dem Stand zu Boden zu schleudern und zu Zuckungen zu veranlassen und dass daher die Patienten mit Epilepsie mit den Göttern in Verbindung stünden; als Ausdruck dieser Verbindung fuhren diese  in den Menschen hinein und schleuderten ihn zu Boden. Die Betroffenen wurden also  ihrer Krankheit wegen für heilig gehalten.

Nun haben Forscher in den letzten Jahren festgestellt, dass es im menschlichen Gehirn offensichtlich Schaltkreise gibt, die bei religiösen Erfahrungen beteiligt sind und die bei einigen Epileptikern hyperaktiv werden. Es sind dies Epileptiker, bei denen die Anfälle (einfach oder komplex fokal) sich im Temporal- oder Schläfenlappen des Gehirns abspielen. Sie berichten dann oft von "spirituellen Visionen". (Der Temporallappen ist anatomisch und funktionell eng mit dem Hypocampus und der Amygdala verbunden. Letztere spielt eine entscheidende Rolle bei der Produktion und Steuerung von Emotionen, der Hippocampus ist der Organisator des bewusstseinsfähigen, "erklärungsfähigen" Gedächtnisses.

"Einfache fokale Anfälle
Mit der Bezeichnung einfach fokal wird ein Anfall beschrieben, der von einem eng umschriebenen Hirngebiet ausgeht. Der Betroffene ist bei Bewusstsein und erlebt den Anfall in seiner ganzen Ausprägung mit. Er kann hinterher beschreiben, was er erlebt hat.
Bei den einfachen fokalen Anfällen kann es zu örtlich umschriebenen Muskelzuckungen kommen, zum Beispiel in einer Gesichtshälfte oder in einer Hand. Diese Muskelzuckungen können sich in benachbarte Gebiete der gleichen Körperseite ausbreiten. In diesem Fall spricht man von einem "motorischen Jackson-Anfall".
Weiterhin gibt es einfache fokale Anfälle mit vielfältigen Sinneswahrnehmungen. Manche Patienten haben ungewöhnliche Empfindungen in einem Körperteil, sehen Licht-, Farberscheinungen oder Bilder, oder die Gegenstände ihrer Umgebung werden als zu groß oder zu klein gesehen. Wiederum andere Patienten hören Musik, Stimmen oder Geräusche. Oft wird von Patienten auch über angenehme oder unangenehme Geruchsempfindungen oder Geschmacksempfindungen berichtet. Schließlich gibt es noch Patienten, denen im Anfall schwindlig wird, und zwar kann dieser Schwindel wie ein Fallen im Raum, wie ein Schwanken oder wie ein Drehen in einem Karussell oder in einem Riesenrad empfunden werden.
Einfache fokale Anfälle können mit sehr intensiven Erlebnissen einhergehen. Solche Erlebnisse können zum Beispiel mit dem Gefühl des anheimelnd Vertrauten verbunden sein. Man spricht dann vom sogenannten "Deja-vu"-Erlebnis („deja-vu" bedeutet schon gesehen). Der Betroffene hat bei diesen Erlebnissen den Eindruck, dieses früher schon einmal genauso erlebt zu haben, obwohl dieses in Wirklichkeit nicht zutrifft.
Viele der vom Patienten wahrgenommenen Empfindungen lassen sich nicht in Worte fassen und werden von ihnen als "komisches Gefühl" bezeichnet. Oft handelt es sich um Empfindungen, die im Oberbauch auftreten, von dort nach oben steigen und angstgetönt sein können. Andere Patienten geben Herzklopfen, Druckgefühl auf der Brust an, oft wird auch von Angst und innerer Unruhe berichtet.
Alle diese Sinneswahrnehmungen, die der Patient selbst bemerkt und auch beschreiben kann, kennzeichnen die sog. Aura (Aura bedeutet Hauch). Damit ist gemeint, dass die Aura oft Anfälle mit Bewusstseinsverlust einleitet.
Komplexe fokale Anfälle
Bei den komplexen fokalen Anfällen ist das Bewusstsein des Patienten verändert, wobei die Bewusstseinsstörung von einer leichten Benommenheit bis zur Bewusstlosigkeit reichen kann. Manche Personen wirken während des Anfalls auffallend benommen, ratlos, umdämmert, verwirrt. Gegen eine Störung von außen wehren sie sich, und sie können dann sogar aggressiv werden.
Die körperlichen Erscheinungsformen des komplexen fokalen Anfalls sind vielgestaltig. Alle bei den einfachen fokalen Anfällen genannten Zeichen können auch bei den komplexen fokalen in Verbindung mit der Bewusstseinsstörung auftreten. Besonders charakteristisch sind sogenannte Automatismen, d.h. automatisch ablaufende Bewegungsmuster. Im Bereich des Mundes zeigen sich Kau- oder Essautomatismen in Form von Schmecken, Schmatzen, Schlucken, Kauen. Einige äußerlich sichtbare Anfallszeichen lassen gewisse Rückschlüsse auf das Erleben im Anfall zu. So kann der Gesichtsausdruck des Patienten das Erleben von Angst, Furcht, Schmerz, aber auch von Glücksgefühl verraten (mimische Automatismen). Häufig aber ist die Mimik während eines komplexen fokalen Anfalles auffallend starr und leer. Viele Anfälle sind gekennzeichnet durch Handlungsautomatismen wie zum Beispiel Nesteln, Zupfen, Kratzen, Streicheln über ein Kleidungsstück, mechanisches Öffnen und Schließen der Hände, Strampeln, Scharren, tänzelnde Bewegungen. Einige Patienten sprechen auch unverständlich (Glossolalie) (verbale Automatismen). Manche Patienten werden im Anfall umtriebig. Sie legen sich hin, stehen wieder auf, gehen umher (ambulatorische Automatismen). Bei länger dauernden komplexen fokalen Anfällen kommt es auch zu geordneten und komplizierten Handlungsabläufen: Die Patienten ziehen sich aus, steigen auf einen Stuhl oder gehen an ein Fenster, um es zu öffnen.
An den komplexen fokalen Anfällen ist oft das vegetative Nervensystem beteiligt, erkennbar an Hautrötung bzw. Hautblässe, Auftreten einer Gänsehaut, Schweißausbruch und vor allem an einer vermehrten Speichelbildung.
Komplexe fokale Anfälle verebben allmählich, ihr Ende ist oft nicht genau feststellbar. An den Anfall kann sich der Patient hinterher nicht erinnern. Ein solcher Anfall dauert im allgemeinen einigen Minuten bis zu einer Viertelstunde.
Nicht selten wird ein komplex fokaler Anfall von einem einfach fokalen Anfall eingeleitet. Ein komplex fokaler Anfall kann auch in einen generalisierten tonisch-klonischen Krampfanfall (Grand-Mal-Anfall) übergehen. [Von einer Internetseite über Epilepsie])".
 

Dazu auch der Bericht einer abtrünnigen Nonne, die Epileptikerin war:

"Je mehr ich über die Religionsgeschichte lernte, desto mehr wurde mein früheres Unbehagen bestätigt. Die Lehren, die ich als Kind fraglos akzeptiert hatte, waren tatsächlich Menschenwerk, über einen langen Zeitraum hinweg konstruiert. Die Wissenschaft hatte den Schöpfergott offenbar abgeschafft, und Theologen hatten bewiesen, dass Jesus nie behauptet hatte, göttlich zu sein. Als Epileptikerin hatte ich blitzartige Visionen, von denen ich wusste, dass sie ein bloßer neurologischer Defekt waren: Waren die Visionen und Ekstasen der Heiligen auch nur Produkt einer Gehirnzuckung? Gott kam mir zunehmend als Abweichung vor - etwas, über das die Menschheit hinausgewachsen war..."

(Karen Armstrong "A History of God" Vintage Books, London 1999, S. 3)

 

 

 

 

ZUM ABSCHLUSS:

 

Das Christentum, wie wir es heute kennen, ist das Ergebnis einer Bestrebung, die mit der paulinische Verfälschung des Judentums einsetzte, im 2. bis 5. Jahrhundert dogmatisch ausgestaltet wurde und bis zur Gegenwart anhält: als Versuch, das hebräische Gedankengut mit der platonischen, neoplatonischen und später aristotelischen Philosophie zu vermischen. Wir wissen, dass Philon und einige der griechischen Kirchenväter, namentlich Origenes, Justin und Tertullian, das hebräische und (neo) platonische Denken zu synkretisieren versuchten. Albertus Magnus und Thomas von Aquin versuchten später, das hebräische Denken mit dem Aristotelismus zu vereinen. Es funktioniert einfach nicht. Beide passen nicht zusammen, haben nicht die gleiche Weltsicht und  nicht die gleiche Geisteshaltung. Sie sind direkte Gegensätze, ein Anachronismus, der sich zwischen antiken Allegorien und zeitgemäßen Erfordernissen in unlösbare Widersprüche verwickelt, die dann als göttliche Mysterien ins Jenseits abgeschoben werden müssen.

Würden die Kirchen ihre Gläubigen darüber aufklären, wie ihre Glaubenslehren und ihre Dogmen wirklich entstanden sind, und würden sie die Absurditäten ihrer Mysterien entschleiern, die Gläubigen würden ihnen empört den Rücken kehren und in Scharen davonlaufen. Da aber "Der christliche Gläubige eine einfache Person ist, die sich nicht wehren kann, weil ihr die Mittel eines theologischen Intellektualismus fehlen", (Benedikt XVI), da Aberglaube und Leichtgläubigkeit noch nie ausgestorben sind, wird die christliche Kirche auch weiterhin ihre Possen spielen und auf Anhänger rechnen können.

Merke: "Es ist leicht zu verstehen, warum das Christentum Jesu Christi sich politisch und sozial nicht durchsetzen und durch Polizei und Kirche leicht unterdrückt werden konnte, während der Paulinismus die ganze westliche zivilisierte Welt... überflutete".
(George Bernard Shaw, irischer Schriftsteller, 1859-1950).

 

Aus und Amen!

 

 

Epilog

 

Den Gott deiner Suche
Ihn wird es nie geben;
Der dir einst gelehrte
Entzog sich dem Leben.

Er selbst ist das Leben,
Wozu dann noch finden?
Ihn deuten und lehren
Mit vielerlei Blinden?

Wer Götter sich denkt,
Will sein 'Ego' verehren;
Aus geistlicher Einfalt
Die Heiligkeit lehren.

Wer nicht sucht wird finden
Des 'Heiligen' Schein.
Der lässt sich nicht binden-
Der sieht von allein.

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