Die Bibel hat doch nicht Recht.

 

Immer mehr israelische Archäologen bestreiten die Wahrhaftigkeit der Gründungserzählungen. *

* (Inzwischen haben die international renommierten Archäologen Israel Finkelstein und Neil A. Silberman mit ihren Büchern "Keine Posaunen vor Jericho" und "David und Salomo" den Mythos der Bibel entschlüsselt. (dtv ISBN 978-3-423-34151-6, Dezember 2004 und ISBN 978-3-423-34542-2, Mai 2009)

Von Norbert Jessen in „Die Welt“ 01.11.1999.

Tel Aviv - Eine "Zeit"-Bombe ließ die Tageszeitung "Ha'aretz" in ihrer Wochenendbeilage platzen. Der Sprengstoff ist Jahrtausende alt. Der Zünder schwelt schon seit Jahrzehnten. "Die Wahrheit des Heiligen Landes" erschien als Titelstory - eine Zusammenfassung von Professor Ze'ev Herzog über die Ergebnisse sieben Jahrzehnte intensiver archäologischer Ausgrabungen im Heiligen Lande. Sein Fazit: Und die Bibel hat nicht Recht. Damit erschüttert der Archäologe aus Tel Aviv auch die akademische Stellung seiner Disziplin. Denn wie kein anderes Fach wurde die Spatenwissenschaft in Israel betrieben, um die Authentizität der Bibel im Sinne aktueller Ansprüche zu beweisen.

Alle Geschichten biblischer Urzeit, nicht nur der mythologische Garten Eden, auch Abraham, Isaak und Jakob, der Auszug aus Ägypten, die kriegerische Eroberung des Landes Kanaan - sie alle gehören laut Herzog ins Reich der Legenden.

Die Archäologen, so der Wissenschaftler, fanden keine Hinweise, geschweige denn Beweise für einen geschichtlichen Kern. Mehr noch: Sogar die Einzigartigkeit Jahwes, die Grundlage dreier monotheistischer Religionen werde durch Ausgrabungsfunde in Zweifel gestellt. Im Anfang war da mehr als einer.

Herzog ist kein skandalsüchtiger Außenseiter. "Grundsätzlich hat Professor Herzog Recht", unterstützt ihn sein Kollege Israel Finkelstein. "Zu den meisten Themen zeigen die Funde vor Ort eindeutig, dass die biblischen Geschichten nicht der Realität entsprechen. In einigen Bereichen gibt es noch verschiedene Auslegungen." Ein Ergebnis, zu dem schon im vergangenen Jahrhundert Theologen im deutschen Sprachraum kamen - nach sprachwissenschaftlichen Analysen der Bibeltexte. Diese wurden während oder nach dem babylonischen Exil verfasst und sind das Ergebnis vieler fremder mythologischer Einflüsse. Schlomo Ben Jossef, Bibelwissenschaftler der Tel Aviver Universität: "Die biblische Geschichte vom Auszug aus Ägypten, erfunden oder nicht, entwickelte sich zu einem der stärksten Symbole der Menschheit."

Die Zeit der Erzväter konnten die Archäologen bis heute nicht einmal eindeutig periodisieren. Nach biblischer Chronologie muss Abraham mit seiner Herde im 20. oder 21. Jahrhundert v. Chr. durch Beer Schewa und Hebron gezogen sein. Einige Archäologen verlegen diese Epoche um ein ganzes Jahrtausend ins elfte Jahrhundert. Doch auch in diesem Fall dominieren eher Legenden denn realitätsnahe Quellen. Zwar sind Nomaden, die in wirtschaftlichen Notzeiten ins Nil-Delta zogen, historisch überliefert. Aber die Existenz von Hebräern ist bei diesem Massenphänomen keineswegs zu belegen. Auch die letzten akademischen Verfechter geschichtlicher Glaubwürdigkeit sprechen nicht mehr von "dem" Auszug aus Ägypten, sondern betonen das Biblische: "Lass mein Volk ziehen und ziehen und ziehen."

Zur kriegerischen Eroberung Kanaans sind die Funde eindeutig. Als Josuas Posaunen vor den Festen Jericho’s erklangen, ist es archäologisch belegt, dass es keine Mauern um die seit dem achten Jahrtausend besiedelte Ortschaft gab. Auch um Ai, biblisch gerühmt als uneinnehmbare Festung, existierte gegen Ende der späten Bronzezeit keine Mauer. Städte "groß und himmelwärts befestigt" wie Megiddo und Hazor waren ebenfalls zum besagten Zeitpunkt mauerlos. Jerusalem dagegen, so die neuesten Funde, war zur Zeit der Jebusiter schon gut gesichert und keineswegs der unbedeutende Flecken, als den ihn die Bibel vor der jüdischen Eroberung darstellt.

Der ägyptische Einfluss, der sich zwischen Jaffa und Bet Schean zu diesem Zeitpunkt nachweisen lässt, findet in der Bibel keine Erwähnung. Die Königreiche Davids und Salomos finden dagegen kaum Widerhall in nicht-hebräischen Quellen. Laut Bibel erstreckte sich Salomos Riesenreich vom Euphrat bis ans Rote Meer, ein Umstand, der heute die territorialen Ansprüche radikaler Siedler beflügelt. Die Gesamtschau der Quellen aber zeichnet  das Bild einer eher zweitrangigen Mittelmacht, deren wichtigstes Potenzial die zeitweilige Schwäche seiner Nachbarn war.

Doch der Befund der Archäologie erschüttert selbst das religiöse Weltbild. Während die Bibel von Anfang nur den Einen kennt, jenen allmächtigen Gott, der keine anderen Götter neben sich duldet, belegen urhebräische Inschriften ein männlich-weibliches Gottes-Paar aus Jahwe und Aschara. Auch der Glaube an den einen Gott ist archäologisch nur als langsame Entwicklung nachzuweisen. Ähnlich wie sich die Einnahme Kanaans als ein Eindringen nomadischer Stämme über Generationen hinweg darstellt.

Adam Zartal, einer der letzten Befürworter historischer Nachweisbarkeit, beschuldigt die Konkurrenz, nicht dort zu graben, wo alles geschah - also auf dem Bergrücken Judas und Samarias. Die Arbeit dort ist das Lebenswerk Zartals, der die Werke der Kollegen als "irrelevant" bezeichnet. "Das ist, als ob ich ein Buch über Gehirnoperationen schreiben würde." Michal Arzi, wie Zartal von der Universität in Haifa, bestreitet die Beweiskraft der Ausgrabungen im biblischen Kernland: Von zentraler Bedeutung seien bestimmte Tonscherben, die das Auftreten der Hebräer im elften Jahrhundert beweisen sollen. "Ich habe gelitten, als ich auch an der Küste diese Scherben fand, die dort aber schon Jahrhunderte früher nachweisbar sind."

Ze'ev Herzog sieht in den Funden und ihren Deutungen das Ende der Archäologie als "rekrutierte Wissenschaft". Er ist sich bewusst, dass dieses Ergebnis nicht nur bei Israelis einen fast "reflexiven Verdrängungsprozess" in Gang setzt. Angehörige dreier monotheistischer Religionen seien betroffen. Aber der Durchbruch wissenschaftlicher Unabhängigkeit sei letztlich eine Erweiterung der Horizonte, die die Archäologie nur interessanter mache. Herzog sieht keinen direkten Zusammenhang zwischen modernem Zionismus und der historischen Authentizität biblischer Erzählungen. Denn die jüdische Präsenz im Heiligen Lande bleibe bis ins neunte Jahrhundert v. Chr. eindeutig nachweisbar. "Was für manche trostvoll sein mag." Im Vergleich zu anderen Staaten sehe jüdische Geschichte immer noch uralt aus.

Und der Lyriker Nathan Zach sagt: "Je stärker die These von einem kleinen, machtlosen hebräischen Staat untermauert werden kann, desto größer wird doch das Wunder der Schaffung der Bibel, eine der genialsten Schöpfungen der Menschheit."

Merke: Die Archäologie kann die "Wahrheit" der Bibel nicht beweisen.

 

 


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